Der zweite große Anwendungsbereich ist die Ozeanographie.
Der Meeresspiegel wird in Folge einer globalen Erwärmung steigen. Die Messung des Meeresniveaus ist jedoch in dem geforderten Genauigkeitsbereich von etwa einem Zentimeter sehr schwierig, denn bislang fehlt eine genaue Referenzfläche, relativ zu der Veränderungen gemessen werden. Geoforscher nennen diese Fläche Geoid. Derzeit weichen die Werte für dieses „Normal Null“ weltweit zwischen Kontinenten um bis zu einem Meter voneinander ab. Daher kann bislang die Meeresspiegelhöhe in einem Teil der Welt nicht mit dem in einem anderen verglichen werden. Das ist aber notwendige Voraussetzung, um globale Veränderungen nachzuweisen. Mit GOCE soll diese Referenzfläche weltweit auf einen Zentimeter, gebietsweise sogar bis auf wenige Millimeter genau, festgelegt werden.
Diese globale „Eichung“ ist auch für weitere Anwendungen Voraussetzung. So lassen sich Meeresströmungen wesentlich besser studieren. Diese sind von entscheidender Bedeutung für das Klima, weil sie sehr große Wassermengen und Energie transportieren. Würde die Nordatlantikströmung (Golfstrom) ausfallen, so würden die Lufttemperaturen im Nordatlantikraum um fünf bis zehn Grad sinken. Wichtige Größen, wie die transportierten Wasser- und Wärmemengen lassen sich relativ zu einer klar definierten Referenzfläche für die Ozeane (dem Geoid) genauer in Modelle fassen.
Nicht zuletzt dient das neue Referenzsystem auch der Geodäsie und damit dem Erstellen topographischer Karten. Diese basieren nämlich auch auf der mittleren Meereshöhe Normal Null.
GOCE surft im Schwerefeld
Satelliten bieten die einzige Möglichkeit, das gesamte Schwerkraftfeld der Erde einheitlich zu vermessen. Das funktioniert nach folgendem Prinzip: In einem vollkommen symmetrischen Schwerefeld würde sich der Satellit auf einer Ellipsen- oder Kreisbahn bewegen. Überfliegt er aber eine „Beule“ oder „Delle“ im Schwerefeld (Fachleute sprechen von einer Anomalie), so ergeht es ihm ähnlich wie einem Surfer im Meer: Er fliegt auf einer leichten Wellenbahn. Im Bereich stärkerer Schwerkraft, wird er leicht an Bahnhöhe verlieren und etwas beschleunigen, über einem Gebiet mit schwächerer Schwerkraft wird er leicht ansteigen und seine Bahngeschwindigkeit etwas verlangsamen. Verfolgt man die Bahn des Satelliten exakt, so lässt sich aus den Bahnschwankungen das Erdschwerefeld rekonstruieren.